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Mehr als nur Essen - kulinarische Erfahrungen im Zuge unseres Schulaustausches in Peking im Mai 2019

Geschäftsessen beim Schüleraustausch mit der Partnerschule in Beijing vom 03.05.-15.05.2019 in Beijing, VR China

Die langjährige Schulpartnerschaft mit der Wan Quan Xiao Xue Grundschule in Beijing, VR China, ist auf dem Niveau einer sehr hohen geschäftlichen chinesisch-deutschen Beziehung angekommen und verdient, dass Essen und Trinken als Medium moderner kultureller Selbstinszenierung der chinesischen Gastgeber eine angemessene Anerkennung und Berücksichtigung finden.

Der Text stützt sich auf viele Erfahrungen der „Geschäftsessen“ in den Jahren 2015, 2017 und 2019 in Beijing, VR China.

Die Masterarbeit von Weihua Li zu diesem Thema „Für das Volk ist das Essen der Himmel“ aus dem Jahr 2010 durfte als Grundlage benutzt werden.

Herr Li arbeitet als Simultandolmetscher und beschreibt in einer Masterarbeit viele Geschäftsessen und die Symbolik, die für Westler nicht auf den ersten Blick erkannt werden kann.

Viele dieser Beschreibungen aus der Masterarbeit von Herrn Li tauchten bei den letzten „Geschäftsessen“ mit und ohne Schüler*innen immer wieder auf und sollen hier eine weitere Anerkennung und Wertschätzung finden.

Bei jedem Essen in Beijing, sei es in der Schulmensa der größeren Nord-Schule oder der kleineren Süd-Schule, oder einem abendlichen „Geschäftsessen“ mit der Schulleitung und den Lehrkräften wird sofort deutlich, dass Essen in China mehr als Sattwerden bedeutet. Herr Li misst ihm eine „fast religiöse Bedeutung“ bei.

Als routinierte Höflichkeitsfloskel im chinesischen Alltag gilt es zu fragen „Hast du schon gegessen?“. Damit ist nicht eine Essenseinladung gemeint, sondern von der Intention soll erfragt werden, ob es einem gut geht. Dieser Spruch kommt aus einer Zeit in der nicht jeder genügend Essen hatte.

In China gibt es traditionelle Speisen wie chinesische Teigtaschen, die zum Abschied gegessen werden oder lange Nudeln als Begrüßung.

Eine hohe Wertigkeit teilt auch der Verzehr-Ort mit. Dies kann ein luxuriöses Restaurant ein, eine schlichte Stube, ein VIP-Séparée oder eine Lounge mit einem traditionell chinesisch runden Tisch sein und hängt von der Inszenierung des Gastgebers ab.

In China gehört das Geschäftsessen als fester Bestandteil zur Abwicklung von Geschäften kulturell dazu. Es stellt nicht nur eine zusätzliche Gelegenheit für die Intensivierung des Geschäftskontaktes und der Selbstinszenierung dar, sondern viel mehr hat sich das gemeinsame Essen im chinesischen Geschäftsalltag als ein subjektives Urteilskriterium der Kooperationsbereitschaft durchgesetzt.

In den kulturwissenschaftlichen Beobachtungen wurde dabei das Hauptaugenmerk auf die Bestellung, das Trinken von Alkohol, die Tischreden und Trinksprüche, das Essstäbchen und das Essen gelegt.

Einladungen werden in China in mündlicher Form vorgezogen, weil sie mehr persönliche Wärme übermitteln (hochoffizielle Anlässe ausgenommen). Ansonsten wird die schriftliche Form eher als kühl und unpersönlich wahrgenommen, wobei diese natürlich wesentlich verbindlicher ist.

Im Vergleich zu einem deutschen Geschäftsessen beginnt das chinesische sehr früh. Für unerfahrene deutsche Gäste wirkt es ungewöhnlich zum Mittagessen um 11:30 Uhr oder zum Abendessen gegen 17:30 Uhr eingeladen zu werden. Im Allgemeinen spielt die Bekleidung eine untergeordnete Rolle.

Büffet versus à la carte.

In China gilt das Büffet als etwas Primitiveres, Fastfoodmäßiges, egal wie luxuriös und reichlich es sein mag. Ein Grund dafür könnte sein, dass das Essen nicht ofenfrisch zubereitet wird. Ein weiterer Grund ist sicherlich der gemeinsame zeitliche und räumliche Rhythmus, an dem sich alle Gäste orientieren können. Eine fortwährende Unruhe, die durch das Nachlegen von Essen entsteht, beeinträchtigt die Kommunikation und das „Wir-Gefühl“.

Oft wird ein teureres Restaurant bevorzugt. Hausmannküchen, egal wie schmackhaft sie schein mögen, oder kleinere Restaurants werden meist von Anfang an ausgeschlossen.

Ein Séparée innerhalb des Restaurants wird in den meisten Fällen bevorzugt. Selbst bei sensiblen Gesprächsthemen bleibt man ungestört unter sich, die Geschlossenheit des Séparées hebt ebenfalls das „Wir-Gefühl“ hervor, diese Situation erinnert an Essen in familiärer Atmosphäre und verstärkt schnell das Gefühl der Gemeinsamkeit.

Präferiert wird meistens ein runder Tisch.

Alle Beteiligten haben die gleiche Entfernung zur Tischmitte und die Kommunikation fällt leicht. Zusätzlich haben viele runde Tische eine kreisförmige Drehplatte. In „Teamarbeit“ wird die Platte je nach Bedarf im Uhrzeigersinn gedreht; die geometrische runde Form wird in der chinesischen Kultur ohnehin hochgeschätzt. Sie gilt als großartig, harmonisch, allmächtig und flexibel.

Bei der Tischordnung gebührt dem Ranghöchsten der beste Sitzplatz. Eine Orientierung kann auch die Faltung der Servietten bieten. Die für den Hauptgast oder VIP sind anders gefaltet. Der Hauptgast schaut mit dem Gesicht zur Tür.

Generell gilt bei der chinesischen Tischordnung, dass die rechte Seite ranghöher ist als die linke Seite. Die Sitzrunde endet am letzten Platz rechts neben dem ranghöchsten Gast. Oft ist das der Platz für den Dolmetscher.

Der Co-Gastgeber übernimmt die Aufgabe des Bezahlens.

Bei der Bestellung existiert keine Trennung von „deinen“ und „meinen“ Speisen. Dies wäre als eine Art Disharmonie zu sehen, die der Freundschaft und dem „Wir-Gefühl“ schaden könnte.

Der Gastgeber legt bei der Bestellung Wert auf folgende Aspekte: die Ausgewogenheit der Speisenwahl – kalt und warm, schnell und langsam, appetitweckend und sättigend, rot und grün, trocken und flüssig, Fleisch und Gemüse, Damen- und Herrenspeisen und die verschiedenen symbolischen Bedeutungen der einzelnen Gerichte.

Die Zusammenstellung eines Menüs ist nichts anderes als die Suche nach einer idealen Balance.

Auf den Gesundheitsaspekt wird von vielen Gastgebern beim Bestellen geachtet: Seetang und Bananen sollen die Darm- und Magenfunktion stärken, Tofu, Tomaten und Fisch zusammen könnten den Blutdruck senken, wer unter dermatologischen Problemen leidet, soll die Kombination von Gurken, Tomaten und Auberginen essen. Selbst die chronische Zuckerkrankheit könnte durch regelmäßige Einnahme von Lammdarm, Rippen und Sellerie erleichtert werden.

Hingegen gibt es auch tabuisierte Essenskombinationen, die unbedingt vermieden werden sollen. Sie könnten entweder zu einer Lebensmittelvergiftung führen oder sie zerstören langfristig die Ausgewogenheit der „Kälte“ und der „Wärme“ im Körper. Dazu zählen beispielsweise die schlechten Kombinationen von Kaki und Gans, Kürbis und Lammfleisch, Erdnüssen und Gurken, Sesam und Hühnerfleisch oder Spinat und Tofu.

Die chinesische Perspektive ist auf die ganzheitliche Balance im Körper fokussiert, während die europäische eher auf den westmedizinischen und chemischen Sichtwinkel verweist.

Die dominante Art des Gastgebers wird in der chinesischen Kultur nicht als unhöflich empfunden, sondern als ein Ausdruck seiner Gastfreundlichkeit und Kompetenz, den Wünschen seiner Gäste durch seine alleinige Initiative zu entsprechen.

Frische Meerestiere und Fische finden sich meist lebend am Ende der Theke in Aquarien, da tiefgefrorene Lebensmittel in der chinesischen Küche eine geringere Wertigkeit beigemessen wird.

Für den Gastgeber ist es häufig ein Moment des Stolzes, die Begeisterung der Gäste beim Bestaunen der chinesischen Esskultur zu beobachten.

Essen ist für Chinesen schon längst nicht mehr lediglich ein einfaches Mittel zum Sattwerden. Es hat fast eine religiöse Bedeutung. Auch die Anzahl der bestellten Speisen hat eine Symbolfunktion, die nicht gering geschätzt werden soll. Die Glückwünsche des Gastgebers werden auch in Zahlen „verschlüsselt“. Üblicherweise werden Zahlen wie „sechs“, „acht“ oder „neun“ als besonders glückverheißende Zahlen wahrgenommen.

Die Zahl „sechs“ klingt von der Aussprache her ähnlich wie „Glück“, „acht“ wie „Reichtum“. Gerade Zahlen werden in der chinesischen Astrologie generell als Glückszahlen geschätzt.

Ausnahme ist die Zahl „vier“, die wegen der lautlichen Ähnlichkeit leicht mit „Tod“ assoziiert werden könnte.

„Neun“ ist zwar kein gerade Zahl, ist aber die höchste Überhaupt unter den einstelligen Zahlen. „Neun“ wird gleich wie „langlebig, langwierig oder ewig“ ausgesprochen.

Aus diesem Grund bieten beispielsweise neun Gerichte eine gute Möglichkeit des Gastgebers das Anliegen wie „lange Zusammenarbeit, langes Leben oder ewige Freundschaft zu artikulieren.

Ohne Alkohol, kein Bankett (gilt für Nordchina).

Anders als bei Tee soll beim Alkoholtrinken das Glas voll eingeschenkt werden.

Sind alle Gläser gefüllt, beginnt das Anstoßen. Das Start-Signal gibt der Gastgeber, in dem er sich erhebt und üblicherweise eine kurze Tischrede hält. Im Anschluss daran wird das Essen mit einem gemeinsamen Anstoßen eröffnet.

Als besonderer Respekt gegenüber älteren oder übergeordneten Personen wird das Glas beim Anstoßen mit zwei Händen gehalten, wobei die eine Hand das Glas normal hält, währen die andere Hand mit der Handfläche nach oben unter den Glasboden gehalten wird. Eine weitere besonders höfliche Respektbekundung ist es, darauf zu achten, dass man das eigene Glas beim Anstoßen etwas niedriger hält als das Glas des Gegenübers.

Über das Geschäft muss bei Tisch nicht ausführlich geredet werden. Die zwischenmenschliche Harmonie geht dem konkreten Geschäft vor.

Eine zu konkrete Formulierung des Anlasses für den Trinkspruch könnte den Betroffenen in Unannehmlichkeiten stürzen. Dies könnte die Harmonie bei Tisch gefährden. Unklare Formulierungen sind dementsprechend weniger problematisch, da Chinesen unter sich die Interpretation der Nuancen nicht schwer fällt. Konkrete Themen eignen sich weniger und würden störend wirken.

Essstäbchen gelten als eine ideale Verlängerung der menschlichen Hand.

Darüber hinaus werden beim Benutzen des Essstäbchens mehr als 30 Gelenke und Dutzende Muskeln involviert.

Der Einklang des Essers mit seinen Nahrungsmitteln gilt als Harmonie zwischen Mensch und Natur. Nahrungsmittel werden mit Essstäbchen nicht, wie bei Messer und Gabel, mit Gewalt aufgespießt und zerkleinert, sondern friedlich und schonend transportiert.

Die kalten Speisen bestehen in der Regel aus vier sechs oder acht Gerichten (den geraden Glückszahlen). Kalte Gerichte sollten den Appetit nur wecken und dürfen nicht satt machen. Daher werden sie meist in sehr kleinen Tellern oder Schlüsseln serviert.

Teigtaschen (Jiaozi) werden in China häufig beim Abschied gegessen. Die geschlossene Form des Teigs ruft die Assoziation mit dem Bild „Zusammensein“ hervor. In diesem Zusammenhang symbolisiert sich der Wunsch nach dem „Wiedersehen“ mit den Gästen.

Beim Wiedersehen gibt es häufig das Nudelessen. Die lange Form der Nudel bringt den Wunsch zum Ausdruck, dass Gäste nach einer langen, strapaziösen Reise wieder „zu Hause“ herzlich willkommen sind.

Auch Fisch ist ein wichtiges Glückssymbol. Aufgrund der Lautgleichheit gilt Fisch in der chinesischen Kultur als Symbol für „Überschuss bzw. Reichtum“.

In China ist „gut essen“ und „chinesisch essen“ ein Ausdruck des Nationalgefühls; es wird als Kulturelement gesehen und stellt ein Medium der Wir-Identität dar.

Chinesen legen viel Wert auf die medizinischen Wirkungen des Essens auf die Gesundheit.

Tee wird sogar als angebrachtes Staatsgeschenk gesehen, dass China genug präsentieren kann.

Auf jeder Reise zu unserer chinesischen Partnerschule ist es für alle großen und kleinen Gäste wunderbar, Essen und Trinken nicht nur als Befriedigung eines elementaren Grundbedürfnisses zu erleben, sondern als Kulturprozess.

Jens Otte

Schulleiter

Mitglied im Berliner Schulnetz - unterstützt von der Berliner Sparkasse
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